Aber bevor der Junge heiraten konnte, war erst einmal seine jüngere Schwester Ranjeet an der Reihe. Es war enorm wichtig, dass die Mädchen "versorgt" wurden. Damit war nicht die Berufstätigkeit gemeint. Natürlich konnten auch die Mädchen nach der Schule eine Ausbildung machen. In fortschrittlichen Familien war das sogar selbstverständlich, aber der Focus lag doch auf Eheschließung und Mutterschaft. Die Partnersuche war Sache der Eltern und die Kinder vertrauten deren Lebenserfahrungen, die sie ja selbst nicht hatten. Liebe spielte bei der Partnerwahl keine Rolle. Es war Dummheit, eine Partnerschaft auf Basis von Gefühlen einzugehen. Herkunft und Charakter waren das Wichtigste bei einer Partnerschaft. Die Zuneigung füreinander konnte sich auch nach der Hochzeit noch einstellen. Diese Einstellung der Älteren schien ihnen Recht zu geben, denn unzählige Flitterwöchner kamen aus ihrem Urlaub innig verliebt zurück, obwohl sich die Paare vor der Hochzeit kaum gesehen hatten. Ranjeet war im letzten Schuljahr und dachte nicht ans Heiraten. Sie hatte gute Schulnoten und träumte davon, Jura zu studieren, um Rechtsanwälin zu werden. Niemand aus ihrer Familie hatte bisher ein Studium geschafft. Sie würde die Erste sein, schwor sie sich. Falls ihre Eltern diesen Wunschtraum finanziell nicht unterstützen wollten, würde sie sich ihr Studium eben durch Arbeit verdienen. Die weißen englischen Mädchen machten das ja schließlich auch! So wie es schien, hatte sie die Regeln ihrer Herkunfts-Gesellschaft noch nicht begriffen. Arbeiten durften Frauen nur mit Erlaubnis ihres "Vormunds". Das konnten, je nach Alter der Frau, ihr Vater, ihr Ehemann, ihr erwachsener Sohn, oder auch ein anderer männlicher Verwandter sein. Die britischen Gesetze galten für sie nur im öffentlichen Raum wie Schule oder Arbeitsstätte und im privaten Raum nur dann, wenn sie ausdrücklich eingefordert wurden. Wurde britisches Recht von einem Mitglied der indischen Parallel-Gesellschaft eingefordert, z.B. im Familienrecht, dann hatte dieses Mitglied fortan nichts mehr in dieser Gesellschaft verloren. Die Folge davon war, dass dieses Individuum fortan hin und her geschoben wurde und sich weder die Inder noch die Briten zuständig fühlten. Um nicht den Schutz ihrer Gesellschaft zu verlieren, passten sich die meisten Auslands-Inder den überlieferten Regeln ihres Ursprungslandes an. Dazu gehörte eben auch die Verheiratung durch die Eltern. Ranjeet hatte als Gast schon viele indische Hochzeiten miterlebt. Es war ein Spektakel, auf das sich immer wieder freute. Die schönen Kleider, der prächtige Goldschmuck, das leckere Essen, die ausgelassenen Tänze....... Fortsetzung folgt...... Erklärung zum Video: Heiratet eine europäische/amerikanische Frau einen Angehörigen der Sikhs, gilt sie natürlich als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft, deren Regeln sie sich anpasst, ......oder eben von einer Heirat Abstand nimmt.
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